HERRENHAUS UND SKLAVENHÜTTE
Ein Bild der brasilianischen Gesellschaft
GILBERTO FREYRE
Versuch einer Einführung in sei Werk
ECHO AUF EIN WERK
Vor 32 Jahren erschien in Rio de Janeiro im Verlag Maia & Schmidt Ltda. das Werk eines jungen brasilianischen Soziologen aus Recife, der Hauptstadt des Staates Pernambuco. Gilberto Freyre-so der Name des damals noch Unbekannten-kann heute die stolze Bilanz dieses Werkes Casa Grande e Senzala (Herrenhaus un Sklavenhütte) und zahlreicher anderer nachfolgender Schriften ziehen die zum Teil in die wichtigsten Weltsprachen übersetzt wurden.
Innerhalb der Soziologie nimmt Freyre heute eine führende Stellung ein. Von den vielen in-und ausländischen Ehrungen seien besonders erwähnt die Ehrendoktoren der Sorbonne und der Columbia-Universität in New York sowie der Anisfield-Wolf-Preis (1956) in den USA für die beste literarisch-wissenschaftliche Arbeit, und schlieBlich die Einladungen zu Universitätskursen aus allen Teilen der Welt.
Freyre ist eines der sieben Ehrenmitglieder der Amerikanischen Gesellschaft für Soziologie. Der Vereinigung Marc Bloch für vergleichende Kulturwissenschaft in Paris gehört er als Mitglied des Direktoriums an. Er ist auBerdem Mitglied der Amerikanischen Anthropologischen Gesellschaft, der Amerikanischen Gesellschaft für Philosophie, der Amerikanischen Soziologischen Gesellschaft, der Akademie der Geisteswissenschaften von Liissabon, der Akademia für Überseewissenschanften von Paris, des Instituts für Soziologie der Universität Buenos Aires un anderer nationaler und internationaler wissenschaftlicher Institutionen.
1962 fanden sich 64 Persönlichkeiten des brasilianischen kulturellen und wissenschaftlichen Lebens zusammen, um sein Werk in dem Buch Gilberto Freyre, sua ciência, sua filosofia, sua arte ( Rio de Janeiro, Verlag José Olympío) zu würdigen und den Einflub Freyres auf die brasilianische Kultur zu untersuchen. Leider ist in Deustschland die Bedeutung dieser Autoren wenig bekannt. Ich möchte deshalb vor allem nichtbrasilianische Stimmen anführen, die sich über das Werk Gilberto Freyre geäuBert haben.
Georges Gurvitch (Paris) klassifiziert die Soziologie Freyres als komplex, dicht und tief. Sie behandle, was man die totalen Sozialphänomene nennen könne. Freyre ist für Gurvitch einer der groBeten Soziologen (für einige sogar der gröBte) unserer Zeit. Ortega y Gasset nennt ihn einen Mann, der auBer Anthropologe, ein Denker von universaler Bedeutung ist. T. Lynn Smith (USA) bezeichnet Freyres Schriften als das gröBte soziologische Werk, das Lateinamerika jemals hervorgebracht hat. Für Sir Nevile Montague Butler (London) ist Gilberto Freyre unter die bedeutendsten Soziologen der Welt einzureihen. José Osório de Oliveira (Lissabon ) nennt das Lebenswerk Freyres eine Summa sociológica. Paul Rivet (Paris) sieht in ihm einen groBen Erneuerer der Sozialstudien dem alle europäischen Anthropologen viel verdanken. Carlos Rossi (Rom) weist darauf hin, da Gilberto Freyre - der für den Nobelpreis vorgeschlagen worden war-der der europäischen Aufmerksamkeit würdigste Brasilianer sei.
Ich möchte nunmehr auf einige Lebensdaten Freyres verweisen, die für das Verständnis seines Werkes wichtig sind.
An der Columbia-Universität in New York studierte er bei Franz Boas Anthropologie und schloB sein Studium mit Lizenziat, Magister-und Doktorexamen ab. Seine 1922 veröffentlichte Dissertation Social Life in Brazil in the Middle literarisch-wissenschaftlichen Lebens an. Es war Henry L. Mencken, der-nach den eigenen Worten Freyres-auf Grund der Lektüre der Dissertation den AnstoB zu Casa Grande e Senzala gegeben hat.
Sein Lehrer in Soziologie war Franklin Giddings, in Volkswirtschaft Edwin Seligman. Diese zwei Meister ihres Faches, vor allem jedoch Franz Boas, hat Freyre immer wieder als diejenigen seiner Lehrer bezeichnet, denen er Entscheidendes zu verdanken habe. Anthropologische Studien führten ihn nach Europa, um die bedeutendsten anthropologischen zentren und Museen zu besuchen. Neben Hamburg und Berlin, wo er bei Max Dessoir philosophische Anthropologie hörte, schlug er seinen Hauptsitz in Oxford auf.
Schon 1928 gelang es ihm, Soziologie als Unterrichtsfach an der Lehrerbildungsanstalt des Staates Pernambuco einzuführen. 1934 fand auf seine Initiative der erste dem Studium des afro-brasilianischen Menschen gewidmete Afro-Brasilianische kongreB statt, vor dem Freyre zwe wissenschaftliche Forschungsergebnisse vertrat, und zwar über körperliche Deformationen bei geflohenen Sklaven und über Methoden zur Bestimmung der regionalen Herkunft von Abkömmlingen von Afrikanern in Amerika.
Schon damals hat der brasilianische Soziologe Roquette Pinto auf den jugen Anthropologen aus Recife aufmerksam gemacht und seine gründliche Kenntnis der modernen Rassenbiologie sowie seine originellen Denkmethoden hervorgehoben. Von da an begann Freyres Siegeszug durch die Universitätszentren Brasiliens, Europas, Lateinamerikas und der Vereinigten Staaten. Über seine Ideen wurden eigens Seminare und Kongresse veranstaltet, so z. B. 1956 durch die Sorbonne auf schloB Cerisy unter der Leitung von Prof. Gouhier.
1946 gehörte Freyre dem brasilianischen Parlament and und hat an der Verfassung Brasiliens mitgearbeitet. 1948 lud die UNESCO acht unter der Bezeichnung. Die acht Weisen von Paris, bekannt gewordene Sozialwissenschaftler zu einem Expertengespräch unter der Leitung des englischen Biologen Julian Huxley ein, das der Erforschung von solchen internationalen Spannungen dienen sollte, die imstande sind, einen krieg zu entfesseln. Zu ihnen gehörte Gilberto Freyre neben Gurvith, Allport, Horkheimer, Szlai, Rickman, Naes und Sullivan.
1954 hat die Bundesrepublik Freyre mit einem Gutachten über das Problem der Besatzungskinder betraut, und die UNO hat dem brasilianischen Soziologen die Aufgabe übertragen, ein Gutachten über das Rassenproblem in Südafrika auszuarbeiten. 1956 gehörte Freyre neben Leopold von Wiese (Deutschland), Morris Ginsberg (England) und Georges Davy (Frankreich) zu den vier Hauptreferenten des Weltkongresses der Soziologen in Amsterdam. An der Universität des Bundesdistrikts von Rio de Janeiro begründete Freyre den Lehrstuhl für soziale und kulturelle Anthropologie und führte damit diese Disziplin und die soziologischen Feldforschungen in den brasilianischen Universitätslehr-und Forschungsplan ein.
Die kulturhistorischen Methoden, die Gestalttheorie, die Idealtypen von Max Weber, die Simmelsche Soziologie sowie die Nutzung von persönlichen Dokumenten für anthropologische Studien wurden zum ersten Male von Gilberto Freyre als methodologisches Instrumentarium der Soziologie in Brasilien eingeführt. Die Beziehugen von Anthropologie und Soziologie zur Sozialpsychologie, Sozialpsychiatrie, Medizin, aber auch zur Architektur und Raumplanung, zu den bildenden künsten, zur Literatur und zum Theater, zu Möbeln und zur Ernährung, zur küche und den Backereien zur Bekleidung und Erholung, selbst zum Spielzeug wurden zum ersten Male von Freyre in Brasilien erörtert, methodisch begründet und exemplifiziert.
Während seiner Abgeordnetentätigkeit gründete er das wisssenschaftliche Institut für Sozialforschung Joaquim Nabuco in Recife, das er noch heute leitet.
EINE NEUE SOZIOLOGIE
Worin bestehen die Verdiente und eigenen Leistungen Freyres in der soziologie? Was bedeutet Casa Grande e Senzala fur die moderne Soziologie?
Gilberto Amado hat erklärt, der Name Freyre bezeichne nicht nur ein Werk, sondern eine Methode. Freyre selbst nennt seine Methoden zur Erforschung der brasilianischen Wirklichkeit die humanistische und die wissenschaftliche, oder die psychologische und soziologische, oder auch die Anthropologische und die metanhropologische Methode. Die Sozialgeschichte wird durch diese Methode zu einer intensiven Intimgeschichte. Nicht nur der Senhor, sondern auch die Frau, das kind and der Sklave, die Tiere und die Landschaft gehören zu Sozialgeschichte. Die Intimgeschichte, schlieBt das gesamte häusliche und eheliche Leben der sklavenhaltenden, polygamen patriarchalischen Gesellschaft ein. Tugend und Laster, Liebe und Sexus in normalen und anormalen ÄuBerungen, die Prostitution der Mulattinen, die verschiedenen psychosozialen Formen, unter denen sich Tugend und Laster verbergen Ambitionen, Geiz und Geldhunger -alles, was zu den Bedingungen der Gestaltung von Sozialleben geführt hat, will Freyre berücksichtigt sehen. Er sucht seine Erkenntnisquellen in Sagen und Legenden, Liedern und Tänzen, Volksweisen und küchenrezepten; auch zog er aus den Anzeigen der Zeitungen der kaiserlichen Epoche, in denen Sklaven zum Verkauf angeboten wurden, SchluBfolgerungen über deren Herkunft, die Situation ihrer Stämme, ihre physischen Bedingungen und Unterschiede. Neben den traditionellen Quellen der Geschichtswissenschaften benutzte er Testamente und Landzurteilungsurkunden, den Schriftverkehr von Behörden und Gerichten, Hirtenbriefe und Sitzungsprotokolle, Tauf-Sterbe-und Heiratsregister, Grabesinschriften und Urteile der kirchlichen Ehegerichte, um aus der Dynamik kultureller ÄuBerungen, die gesamte Sozialwirklichkeit zu erhellen. Freyre nenntdiese methode die pluralistische methodologie, die auf alle anthropologischen studien angewendet werden konne. Sie verfugt uber eine grobe und in sich auBerst fein differenzierte anzahl von instrumenten, verfahrensweisen untersuchngstechniken. Darin soll der besondere brasilianische beitrag zur soziologischen methodologie bestehen. Soziologie muBs sich auf umfassend e anthropologische denntnisse und Forschungen stutzen.
Die kulturhistorische methode Frobenius, die den menschen in seinen naturlichen lebensumstanden, in der welt, in der er und die er lebt, zu erforschen verlangt, wurde von Gilberto Freyre auf Brasilien und sodann uberhaupt auf die soziologische Problemstellung angewandt. Nicht die situation ist der methode, sondern die methode der Situation ianzupassen. Daher erfordert jede situation ihre besondere methodenkombination. Daraus folgt Freyres ablehnung der einfachen ubertragung von methoden auf brasilianische oder sonstige zustande. Dies mag-so Freyre -moglich sein fur eine statische oder deskriptive soziologie, aber es ist nicht moglich fur eine interpretative sozioogie.
Freyre drang in das innere der tatsachen und ereignisse ein und offenbarte das wie des brasilianischen menschen, seine lebenssartzu hause und auf der straBe, in de kirche und im Salon, auf dem landlichen arbeitsplatz und im städtischen Getriebe. Kleidung, Essen und vor allem das liebesleben der herren und sklaven wurden in naturalistischer weise analysirt, mit allem raffinement einer introspektiven sozialpsychologie. Diese methode wendet Freyre uberhaupt auf die Geschichte na; sie ist fur ihn stets und in erster Linie sozialgeschichte.
Freyre hat der soziologie spejulativen Charakter abgesprochen, und er hat zum ersten male den begriff área cultural, kulturbereich, der den begriff politischer bereich ode administrativer oder nationaler bereich in der sozialgeschichtlichen Forschung zu ersetzen habe, in Brasilien wingefuhrt un is so der Pionier der kulturgeschichtlichen interpretation (José Honório Rodrigues) dre brasilianischen Geschichte geworden.
In seinem werk a Triangulation on the culture of Mexico hat Prof. Munro s. Edmondson von der Universitat Tulane (USA) die anthropologischen Theorien Freyres zu den acht bedeutendsten modernen theorien des kulturwandels gezählt. Freyres theorie wurde mit weighting of telluric influences bezeixhnet. Die sieben weiteren beziehen sich auf murdock kinship structure sequences, linton nativism hypotheses, redfield conception of urbanization, Droeber concept of stimulus diffusion, white calculations of energy levels, levi-strauss structures élémentaires de la parenté und whiting phasing of socialization.
RASSENTHEORIE UND LUSOTROPICOLOGIE
Freyres methoden beeinfluBten auch die rassentheorien der Gegenwart. Scharf wandte er sich gegen jede art von evolutionistischem determinismus, ohne dabei die physische komponente der menschlichen existenz zu ubersehen: die physische situatin des menschen bedingt stets seine soziale entwicklung; bedingt-das ist zu beachten - und nicht determiniert. Andererseits wendet er sich gegen den marxistischen determinismus, nicht ohen zuzugeben daB die Tecnik der wirtschaftlichen Produktion auf die struktur der Gesellschaften und die Merkmale ihrer moralischen physiognomie einen bedeutenden, wenn auch nicht immer uberwiegenden einfluB ausubt. Und doch ist Freyre mächtig wie kein anderer, was seine Fahigkeit angelangt, den Gesellschaften ein aristodratisches oder demokratisches Gepräge zu geben und Tendenzen zur Polygamie oder monogamie, zur schichtenbildung oder Beweglichkeit zu entwickeln. Vieles von dem, was die noch schwankende eugenik und kakogenik als ergebis vererbter Merdmale oder Fehler annimmt, die starker als andere einflusse sind, sollte vielmehr dem Bharren der wirtschaftlichen und sozialen bedingungen durch generationen hindurch zugteschriebenweden, die fur die menschliche entwicklung günstig oder ungünstig sind.
Nach dieser theorie gibt es keine ausschlieBlich in biologischen elementen begründete psychische oder pysische oder intellektuelle inferioritat oder superioritat des menschen. Alsschuler Franz Boas plädierte Freyre gegen die zeitgenössischen biologischen deterministen in Brasilien (z. B. Oliveira Viana und Nina Rodrigues), die die Rassendeterminiertheit vertraten.
Freyre untersuchte die kulturelle herkunft der negersklaven und kam zu dem ergebnis, es gebe weder den neger, noch die schwarze kultur. Schon in den zeiten der kolonisierung stieBman in Afrika auf sehr verschiedenartige neger und schwarze kulturen. Eine komplex differenziertheit dennezeichnete sie, und viele dieser kulturen standen den westlichen kulturen jener zeit nicht nach, zumal die portugiesische jultur von afrikanischen elementen aus der maurischen besetzungszeit stark durchsetzt war. Es gibt-nach Freyre -keine rassische inferioritat oder superioritat. Was man fur de neingluB des negers, als des miglieds einer Rasse, auf die intimaechichte der Brasilianer bhalte, sei in wirdlich keit einfluB des Sklaven.
Entscheidende kriterien fur die Beurteilung des Negers liefern die sozialgeschichte und die kulturanthropologie. Freyres werke enthalten die groBartistye Rehabilitierung des Negers, indianers und mestizen, und zwar nich etwa im folkloristischen sinn. Er spürt die leistungen der indianer im Brasilianischen kulturawandel auf und untersucht die Beziehungen der portugiesischen Eroberer zu den eingeimishen amerindios sowie die Rolle des schwarzen sklaven in der patriarchalischen groBfamilie. In New World in the Tropicsg bezeichnet Freyre diesen brasilianischen Geist der rassischen akkomodation als das Geheimnis des Erfolg bei dem Bemuhen eine moderne, humane und cristliche kultur in den Tropen zu errichten. Was den Engländern auf der politischem sei den Brasilianern auf der sozial-kulturellen Ebene gelungen: die Errichtung einer ethnischen demokratie mit fast volkommener chancengleichheit fur alle menschen, ohne Unterschied der Rasse oder Farbe. Dieser These ist widerprochen worden (vgl. Z. B. Florestan Fernandes, Mudanças sociais no Brazil, 1960); aber sie beinhalet die unbestrittense wahrheit, daB es in Brasilien keinen RassenhaB und Rassenkampf gibt.
Der beitrag von indianern und schwarzen zum brasilianischen kulturwandel wird von Gilberto Freyre positiv bewertet. Es handelt sich nicht um Erinnerungen oder das Uberleben von Fomen kultureller vergangenheit, sonden um positive Beitrage, die sich auf die sprache, den Glauben, die täglichen lebensgewohnheiten auf die kulinarische kunst, die erziehung, die arbeitstecnik und die freizeitgestaltung, also auf die entstehung neuer kulturwerte erstrecken. Auf die farbiegen wiederum wirden dirche, herrenhaus und sklavenhütte durch vermittlung neuer moralischer und intellektueller kriterien ein, durch anpassung na das neue physich-geographische milieu, durch ernährung und arbeitsmethoden. So entstand eine neue tropische Gesellschaft ohne deterministische Züge, ein modell, an dem die Rassenmerkmale vom einfluB der Umwelt flar zu unterschiden waren. Als schüler von Franz Boas ist für Freyre der Unterschied zwischen Rasse und Kultur grundlegend. Auf diesem driterium: grundsätzliche unterscheidung zwinchen Rasse und Kultur, rassenerbe und Familienerbe, unterscheidung zwischen den wirkungen rein genetischer beziehungen und denen der sozialen einflüsse, des kulturerbes oder milieus beruht Casa Grande e Senzala.
Die Lusotropicologie ist-nach Freyre-das systematische studium des ökologisch-sozialen integratinsprozesses der Portugiesen, de abkömmlingge von Portugiesen und ihrer Nachkommen in tropischem milieu. 1957 trug Freyre die Grundthesen seiner Tropicologie in Brüssel anläBalich eines wissenschaftlichen Kongresses vor. Sie enthält die These von der eigenständigen - auBereuropäischen, jedoch nicht antieuropäischen -Kultur in den von spaniern und Portugiesen eroberten tropischen Gebieten. Unter den schwierigsten Umstäqnden haben die Portugiesen ihre kolonisation durchgeführt. Der portugiesische kolonisator war dr erste uner den kolonisatoren, der eine dauerhafte Grundlage zur Erarbeitung von wirtschaftlichem Reichtum an Ort und Stelle in den Tropen schuf. Wo andere Europäer versagten, haben die Portugiesen - denen Freyre im übrigen kritisch gegenübersteht - als einziges europäisches Volk die Grundlagen fureine tropische zivilization universalistischer Art geschaffen. Das problem der tropisch-europäischen interdependenz hat Gilberto Freyre stets beschäftigt.
DER ESCRITOR
Freyre selbst nennt sich mit Vorliebe escritor mit anthropologischer bildung. Nie hat er einen lehrstuhl angenommen oder längere zeit die lehrtätigkeit am gleichen ort ausgeübt. Seine geistige unrubheund seine lebensart waren offiziellen bindungen stets abgeneigt. Vor allem in seinen jungen Fahren führte er ein Zigeunerleben, abhold jeder verpflichtung, wie sie ein lehrstuhl mit sich gebracht hätte. So lehnte er 1928 die Ubernahme des von ihm gegrundetern lehrstugls fur Soziologie na der Lehrerbildungsanstalt in Reicfe und später zahreiche ähnliche angebote am. Sein ehrgeiz war nichet, eine wissenschaftliche disziplin im universitätsrahmen zu begründen oder nach Brasilien zu verplanzen. Er wurde nie müde zu betonen, er sei escritor, -- ein wort, ds mit schriftsteller nur shlechet übersetzt ist. Man mag erahen, was damit gemeint idt, wenn man in der Cathoilic Sociologiacal Review 9USA) liest, Freyre erinnere na Balzac, Prosut, Defoe und Dostojewski: Das Bild, das er von der menschlichen Natur zeixhnet, ist fast shakespeareanisch. Und Freyre selbst bekennt.: was ich bin, war und im Leber sein möchht, ist vor allem dies: ein escritor. Alles weiere hat nur sekundäre bedeutung, oder es its gar dieser meiner Berufung abträglich. Als escritor und sogar als Poet wolte er bekannt und beachtet werden. Aus der abneigung gegen die offizielle bindung na lehre und Forschung einerseits und der leidensachaftlicehn verpflichtung, die ihm sein sokraterischer forschungstrieb auferlegte, andererseits, aentstand Freyres werk, das unter beachtung strengster wissenschaftlicher kritik zubleich zu den besten literarischen leistungen des portugiesischen sprachraums gehört. Er hat die wissenschaftlixhen methoden nichtnur beachetet und angewandt, er hatr sie abgewandelt, abgelehnt, wo sie ihm unanwendbar erschienen, und eigene, neue methoden entwickelt, die sich achtung und bestätigung sichern konnten.
In Freyre hat die originelle, selbständige, absolut neue These die originelle, selbständige, neue schöpferische Form gefunden. Er ist ein biographischer und autobiographisicher autor, dre mit introspektivem Realismus, in gleicher souveränität literarische themen des pernambucanischen regionalismus wie der malerei behandelt. Der groBe beherrscher der portugiestischen Dprache (Afonso Reiyes) wird in aller welt als schriftsteller von seltener Potenz und höchster ausdruckskraft angessehen. Soziologe - já, aber in erster linie ist er escritor -sagt Albert Beguin. Die Bezeichnung genial taucht immer wieder in den kritiden über den literarischen wet seiner Bücher auf.
Der bedeutende brasilianische literaturkritiker Alvaro Lins hat weklärt, der Stil Freyres sei eine konsequenz dessen, was es na Ursprünglichem und persönlichem in seinen ideen gebe: Einer neuen Gedankenfolge entspricht immer auch ein neurer Stil, weil Stil nicht ein instrument, sondern die dem wek eigene Form ist nicht ein instrument, sondern die dem wek eigene Form ist. Daher müsse man dem stil Freyres, der na Proust weinnere, die gleiche Bedeutung zusprechen, wie seinen soziologischen und historischen Studien. Seine Sprache und sein stil tragen zur bereicherung der Sprache bei, indem sie ihr mehr Natürlichkeit, eine höhere Bewertung volkstümliche4r Elemente und eine gröBere interpretatinskraft nicht nur der literarischen, sondern auch der wissenschaftlichen Phänomene verleihen.
Für Guimarães Rosa, den Autor von Grande Sertão, würde Freyres stil ausreichemn ihm Bewunderung zu verschaffen: weich und gesprächig, ursprünglich und unmittelbar, genau und weitraumig, sauber und schmiegsam, äuBerst persönlich und doch allgemein, durchdrungen von all dem und alles durchdringend... . Man versteht, wenn André Rouseaux feststellt: Nie und nimmer konnte ich annehmen, daB ein soziologisches werk eines der besten literarischen werke sein könnte,die ich je gelesen habe, eines eines der lebendigsten, farbenreichsten, beschworendsten werk von unendlichem menschlichem Reichtum. F. Brandel (Paris) sieht in Freyre mehr spanische als portugiesiche Tradition fortgesetzt, die Welt der Ganivet Unamuno und Ortega. Thomas mann bezeichnete Freyre als winen groben schriftsteller und Bertram D. Wolfe bewunderte in Freyres ist nicht nur ein brasilianisches, sondern gelichzeitig ein meisterwerk unserer Zeit und unserrer Hemisphare. Fur Jorge Amado war das Erscheinen von Casa Grande e Senzala eine Kulturelle und literatrische Revolution, ein nuer weg fur die wissenschaft, ein grundlegendes Ereignis fur die Wandlung Brasiliens, der zentrale ausgangspunkt aller brasilianischen studien seit jener Zeit. Vor 1933 sei ein lehrbuch in Brasilien - mit wenigen Ausnahmen-Synonym fur ein langweiliges, unlesbares, schlecht geschriebenes Buch gewesen. Fast sei es fur einen Historiker oder Soziologen Pflicht gewesen, sich möglichst unverständlich zu aubern und moglichst schwierige worte zu gebrauchen. Gilberto Freyre habe dieser Tradition ein Ende gesetzt und bewiesen, dab eine wissenschaftliche Arbeit Literatur sein könne.
Über 20 000 Seiten hatte Freyre bis 1960 geschrieben. Nach einer Umfrage war er 1955 der einzige lebende Autor unter den zehn meistgelesenen Schriftstellern Brasiliens. Vor Rui Barbosa und nach Euclides da Cunha und Machado de Assis stand er na dritter stelle.
Die wiete und die Richtung der Ausstrahlung Gilberto Freyres af die brasilianische kultur der Gegenwart zu erforschen wird vieler detailstudien bedürfen. Mário Marroquim (Alagôas) vertritt die auffassung, man werde das intellektuelle leben Brasiliens einmal datieren: vor und nach Gilberto Freyre neue worbildungen Freyres in der schon reichen portugiesischen dprache schlugen die Brücke zu den modernen Geisteswissenschaften. Seine ausdrucksformen beschaftigten stilisten und literaturkritiker. Sein einflub auf die kulturelle revolution in Brasilien war und wird noch laghe gegenstand, manchmal auch streitobjekt, der kulturhistoriker sein. Was die junge, die jeweils junge generation ihm zu verdanken hat, wirdt sich lángst in allen kultur-und geisteswissensxhaftlichen Bereichen Brasiliens aus. Sein werk beeiglubt im besonderen die geographie und die geschichtswissenschaften, die Romanistik und Anglistik, die medizin, die kunst, die architektur, die philosophie und die geschichtsphilosophie, die antropologie und soziologie, die literatur und die Rechtswissenschaft.
Vom Poeten Gilberto Freyre bis zum Begründer neuer wissenschaftlicher methoden, der sich de strengen zucht des Beweises fügt, verläuft das breite Band der geistigen Ausdrucksfähigkeit und schö pferischen Vollendung dieses bedeutenden Brasilianers.
Auch auf die Politik hat er immer wieder Einflub genommen, sei es als Abgeordnete und stellvertretender Vorsitzender des Kulturpolitischen Ausschusses des Parlaments, sei es als brasilianischer Delegierter bei internationalen Dongressen.
Mit Vila Lobos für die Musik, Oscar Niemeyer für die Architektur, Lúcio Costa für den tädtebau und Cándido Portinari für die Malerei gehört Gilberto Freyre für den Bereich der Geisteswissenschaften zu den bekanntesten brasilianischen Personlichkeiten der Gegenwart. Daruber hinaus ist es ihm durch eine allgemeingültige interpretation der brasilischen Geschicht gelungen, normen des Verständnisses fur die Gegenwart Brasiliens und darübe hinaus ganz lateinamerikas (Hispanotropicologie) geschaffen zu haben.
Es bleibt mir noch, dem Bedauern darüber Ausdruck zu geben daB Freyres grundlegendes Werk erst 32 Jahre nach seinem Erscheinen einem deutschsprachigen leserkreis zugangig gemacht wird.
Im Vorwort zur 6 Auflage seines Buches berichtete Gilberto Freyre, 1946 habe sich auf Grund einer Rezension im Mancheste Guardian der deutsche Oberst Hans Hanhagen aus Göttingen na de nenglschen Verleger und ihn selbst mit der Bitte gewandt, die Übersetzung gerade erst beghonnen hatte.
1956 wurde Gilberto Freyre von dre Freien Universität Berlin und von anderen deutschen Universitäten zu Gastvorlesungen eingeladen. 1958 habe ich mich bemüht, einen Bverleger fur die deutsche Ausgabe von Casa Grande e Senzala zu finden. Vergeblich. Alle muhsamen und fur die initiatoren oft deprimierenden Versuche, das werk Freyres in Deustschland bekanntzumachen, haben erst jetzt einen erfolgreichen Abschlub gefunden. Freyres werk eird, so darf man hoffen, in seiner deustschen Ausgabe weiten dreisen grundlegende denntnisse uber Brasilien vermitteln und damit den Weg zu einem besseren verständnis der Geschichte und den aus ihr resultierenden Problemen des lateinamerikanischen Riesen ebnen.
Hermann Matthias Görgen
Fonte: GÖRGEN, Hermann Matthias. In: FREYRE, Gilberto. Herrenhaus und sklavenhütte: ein bild der brasilianischen gesellschaff. Traduzido por Ludwig Graf von Schönfeldt. Berlin: Kiepenheur & Witsch, 1965.
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